Lernfabrik - Wenn nicht gelöste Aufgaben auf die Seele drücken

In einem halben Jahr sollte ich alle Scheine gemacht haben - MCSA, MCSE und ITIL Foundation. 

Warum ich dennoch nicht zum gewünschten Ziel gelangt und nun in Zeitnot bin.

Mit dem festen Vorsatz, meinen MCSA zu machen (MCSA steht für Microsoft Certified Solution Associate) - ich weiß auch nicht wer sich bei Microsoft immer wieder solche Wortschöpfungen ausdenkt - habe ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Bildungsanbieter begeben. Mein ursprünglicher Leitgedanke hierbei war es, mein in der Praxis erworbenes IT Wissen auch mit einem Zertifikat dokumentieren zu können. Hierzu hatte ich "grünes Licht" von der Arbeitsagentur in Form eines Bildungsgutscheins bekommen.

Walk-In anstatt Präsenz - Fraglicher Ansatz
Außerdem hatte ich noch Wert auf eine Präsenzveranstaltung gelegt. Ganz klassisch, alle Lernenden oder Studierenden in einem Raum, jeder mit einem eigenen Computer ausgestattet und ein jederzeit physisch verfügbarer Mentor, der vielleicht auch direkt am Platz, die ein- oder andere Unklarheit schnell und nachhaltig ausräumen könnte.

Leider musste ich mich eines Besseren belehren lassen und man sagte mir, dass wegen mangelnder Nachfrage solche Veranstaltungen kaum noch stattfinden. Vielleicht sollte man zu den zu erwerbenden Zertifikaten eventuell noch sagen, dass es sich insgesamt um 6 Prüfungen handelt. 3 Stück für den MCSA, 2 Prüfungen für den MCSE und eine weitere Prüfung um das ITIL Foundation Zertifikat zu erlangen. An dieser Stelle noch einmal zur Erinnerung, eigentlich wollte ich ja lediglich ein MCSA Zertifikat erlangen, hierzu hätten 3 erfolgreich bestandene Prüfungen ausgereicht.

Zu viel Zeit für "nur" ein Zertifikat, zu wenig Zeit für alle Zertifikate

Ein passender Bildungsträger, der solche Zertifikatsschulungen anbietet war schnell gefunden, hier handelte es sich sogar um den Marktführer in diesem Bereich. Allerdings wurden keine Präsenzseminare angeboten sondern lediglich so genannte "Walk-In" Seminare. Das hat auf der einen Seite den großen Vorteil, dass man sein individuelles Lerntempo selbst anpassen kann, es hat allerdings auch den Nachteil, dass außer den "virtuellen Mentoren in the cloud" nicht wirklich jemand vor Ort mit Sachverstand zur Verfügung steht. Ein freundlicher Betreuer vor Ort ist stets vorhanden und dabei behilflich, wenn es mal zu Computerproblemen kommt, das Headphone nicht funktioniert oder man - und auch das kam vor - aus Versehen in den falschen Kurs eingebucht wurde.
Bildungsträger gefunden - Lerne von den Besten

Wenn man dem Charme, den die so genannten "Walk-In" Seminare bieten einmal erlegen ist, so hat diese Form der Lernmöglichkeit durchaus ihre Vorzüge. Man kann an so genannten "Power-Breaks" teilnehmen, die zwei mal täglich stattfinden, dies sind aber nicht immer lohnende "Ablenkungen" vom eigentlichen Lernplan. Mal werden passende Themen behandelt, ein anderes Mal werden für den nachhaltigen Lernerfolg völlig unrelevante Themen behandelt. Allerdings, und auch dies muss gesagt werden, ist die Teilnahme an den so genannten "Power-.Breaks" freigestellt. Es besteht also kein Zwang zur Teilnahme. Aber auch diese ergänzenden Angebote finden ausschließlich virtuell in der Wolke statt.



"Walk-In" Seminare finden immer nach dem gleichen Grundprinzip statt. Man bekommt einen Computerarbeitsplatz zugewiesen - der kann auch schon mal von Tag zu Tag innerhalb des gleichen Raumes wechseln. Jeder Computerarbeitsplatz ist mit PC und Headphone ausgestattet, um sich auch sprachlich bemerkbar machen zu können und nicht auf den allgegenwärtigen Chat angewiesen sein zu müssen. Auf Hygiene wird großer Wert gelegt, so gab es täglich ein frisches antibakteriell wirkendes Tuch zum Reinigen von Headset, Tatstatur, Maus oder Tisch. Auch ist für Nervennahrung in Form von Zucker mit zwei, drei Bonbons bestens gesorgt. Wer mag, kann sich sogar Morgens einen Apfel aus dem Korb neben dem Empfang nehmen. In den Schulungsräumen selbst sind Getränke wegen der empfindlichen Computer lediglich in geschlossenen Behältnissen erlaubt. Essen am PC-Arbeitsplatz sieht man wegen der Krümel und der Hygiene auch nicht so gerne.

Die Überschrift dieses Kapitels lautet "Zu viel Zeit für "nur" ein Zertifikat, zu wenig Zeit für alle Zertifikate". Hierauf möchte ich gerne in diesem Absatz eingehen. ich hatte mir also den Marktführer für Computer Learning ausgesucht um dort mein MCSA Zertifikat zu erwerben. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch ca. 160 Tage Anspruch auf die Zahlung von Arbeitslosengeld I. Genügen Spielraum also, um mein MCSA Zertifikat zu erwerben und dann kräftig in die Trickkiste meiner Bewerbungkünste zu greifen. Das erste Gespräch mit dem zuständigen Bildungsberater der Weiterbildungseinrichtung war schnell vereinbart. Im Laufe des Gespräches ließ ich mich davon begeistern, neben dem MCSA Zertifikat auch noch ein MCSE Zertifikat (MCSE steht für Microsoft Certified Solution Expert) und auf jeden Fall auch noch das Grundzertifikat in ITIL zu erwerben - ITIL Foundation. Da ich ja noch so viele Tage bis zum Auslaufen meines Arbeitslosengeldanspruchs übrig hatte, wäre das sicherlich sinnvoll. Sowohl der Berater der Arbeitsagentur als auch der Berater der Bildungseinrichtung versicherten mir, das je 2 Tage Weiterbildung lediglich 1 Tag vom Arbeitslosengeldanspruch abgezogen würden - und ich ja insofern sogar noch Zeit gewinnen würde, bis mein Anspruch endgültig ausläuft.
Die Zeit für so viele Prüfungen reicht nicht aus

Das Ganze klang für mich plausibel, eine höhere Microsoft Qualifizierung, ein zusätzliches Zertifikat und eine Verlängerung meines Anspruchs auf Arbeitslosengeld. Da überlegte ich (leider) nicht zwei Mal und unterschrieb den angebotenen Weiterbildungsvertrag.

Es hat gar nicht so lange gedauert, bis ich feststellen konnte, dass kein einziger meiner Mitlernenden den Zeitplan auch einhalten konnte und in der vorgegebenen Zeit alle avisierten Zertifikatsprüfungen ablegen konnte. Die Weiterbildungseinrichtung räumt zwar kulanter Weise einen Zeitraum der über den ursprünglich angedachten Zeitraum hinausgeht ein, die fehlenden Prüfungen nachzuholen, wirklich besser macht das aber die missliche Gesamtsituation nicht. Hat man den gesamten Zeitraum zur Weiterbildung ausgereizt, ist es mitnichten so, dass an das Ende der Weiterbildung dann noch der angeblich - oder - so genannte Verlängerungszeitraum angehängt wird. Fast Zeitgleich mit dem Ende der Bildungmaßnahme bekommt man Post von der Bundesanstalt für Arbeit mit dem Inhalt, dass der Anspruchszeitraum ja nun erschöpft sei und man lediglich noch für 30 weitere Tage Arbeitslosengeld I zahlen wird.

Warum nur habe ich mich dazu überreden lassen noch zwei weitere Zertifikatskurse zu buchen, anstatt wie ursprünglich geplant meinen MCSA zu machen und mit diesem Zertifikat in der Tasche dann auf Stellensuche zu gehen.

Um die Dauer der "Walk-In" Seminare zu begreifen, sollte man sich vergegenwärtigen, dass diese aus den so genannten Lernvideos (bei dem ein Video-Kapitel durchaus schon mal 2 bis 3 Stunden dauern kann und ein komplettes Lernvideo durchaus schon mal bis zu 15 und mehr Kapitel haben kann), den Labs (das sind virtuelle Netzwerkumgebungen, in welchem dann das gelernte nachgestellt werden sollte - pro Lab kann man auch zwischen 20 Minuten und mehreren Stunden veranschlagen) sowie einem Onlinebuch, dass man geflissentlich lesen sollte, bestehen. Und das gilt nicht für alle Kurse gemeinsam sondern für jeden einzelnen Zertifikatskurs. Nimmt man dann noch an der ein- oder anderen "Power-Break" statt, die thematisch gut zum gerade gelernten Unterrichtsstoff passt, vertut man sich sehr schnell, wie viel Zeit man eigentlich unnütz verplempert. Diese Zeit fehlt dann natürlich zum Ende hin sehr deutlich. Wie bereits erwähnt, ich habe während der dort verbrachten Zeit keinen einzigen Mitlernenden getroffen, der die sich vorgenommenen Zertifikate innerhalb des gesteckten Zeitrahmens geschafft hat.

Die Zeit läuft davon und wir unterschätzt
Immerhin habe ich 2 der Zertifikatsprüfungen zum MCSA erfolgreich bestanden, so das mir nun zum ersehnten Zertifikat lediglich noch die Vorbereitung und der Abschluss auf eine einzige Prüfung fehlt.

In meinem Fall sah das dann so aus, dass ich noch 30 Tage Anspruch auf Arbeitslosengeld I hatte und mir möglichst in diesen 4 Wochen einen adäquaten Job suchen sollte. Ich sage es gleich, außer ein paar Vorstellungterminen ist bislang noch Nichts daraus geworden. Täglich schreibe ich Bewerbungen, die meisten Bewerbungprozesse der Arbeitgeber dauern aber meist schon mehr als 3 Wochen.

Das man sich in einer so misslichen Situation nicht gut auf das Lernen und den schnellen Abschluss konzentrieren kann, dürfte mehr als nur einleuchtend sein. Zudem haben sich in Anbetracht meiner nicht gerade rosigen Lage auch die Präferenzen und Prioritäten verschoben. Ich bin aktuell auf Stellensuche und habe einfach den Kopf nicht frei, um mich mit neuen Lerninhalten zu beschäftigen

Positives sowie Negatives zum Bildungsträger

Die Mitarbeiter der Weiterbildungseinrichtung waren jederzeit zu jeglichen Fragestellungen ansprechbar, freundlich und professionell. Ich persönlich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, mit den Lerninhalten betreffenden Sachverhalten, alleine gewesen zu sein. Für sämtliche Anliegen wurden häufig kurz- oder mittelfristig pragmatische Lösungen gefunden. Einzig ärgere ich mich im Nachhinein, mir mehr Kurse und Zertifikate zugemutet zu haben, als ich diese in der vorgegebenen Zeit hätte schaffen können.
Wasser und Kaffee gratis

Für die meisten Mitlernenden zahlte ebenfalls die Bundesagentur für Arbeit die Kursgebühr. Natürlich gilt hier Anwesenheitspflicht, es sei denn man hat die Teilnahme im Homeoffice offiziell von der Arbeitsagentur genehmigt bekommen. Die Anwesenheit wird in Listen dokumentiert, die am Empfang ausliegen und in die sich jeder Kursteilnehmer mit Datum, Uhrzeit und Unterschrift einzutragen hat.

Kaffee aus dem Automaten, stilles- oder Wasser mit Kohlensäure gab es jederzeit kostenlos im funktional ausgestatteten Aufenthaltsraum neben dem Empfang. Selbst kostenloses W-LAN wurde angeboten, wenn dies auch zu manchen Zeitpunkten gestört war.

Nicht ohne fremde Hilfsmittel

Auch wenn das angebotene Kursmaterial schon sehr umfangreich ist und das allermeiste abdeckt, reicht es nicht aus, um auf die Microsoft Prüfungen vorbereitet zu sein. Hier ist durchaus nochmal eine Eigeninvestition notwendig um den Prüfungfragen nachempfundene Fragestellungen, z. B. bei Certbase, online zu lernen. Zugegeben hat dies zum Haupterfolg bei den bestandenen Microsoft Prüfungen beigetragen. Man sollte sich also nicht blind auf den Bildungsträger verlassen, geht es um die Prüfungsvorbereitung, hier ist die Investition des ein- oder anderen Euro angebracht und Eigeninitiative gefragt um die Prüfungen auch bestehen zu können.
Ein steiniger Web bis zum Zertifikat

In diesem Sinne - "Viel Erfolg für die von Ihnen vielleicht geplante Weiterbildungsmaßnahme!" Und überlegen Sie sich vorher gut, ob es ggf. nicht auch ausreichend ist ein einziges Zertifikat in der Tasche zu haben anstatt in ein persönliches Unglück ohne Jobperspektive zu stolpern.

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