Jobsuche - Ich lebe in einem Paralleluniversum

Ich bin gerade damit beschäftigt, mir einen neuen Arbeitsplatz zu suchen. Hier schildere ich ein paar interessante Eindrücke und Erfahrungen.

 

Der Bewerbungsprozess

Nach welchen Kriterien sucht Ihr einen neuen Arbeitsplatz aus? Nach dem Abschluss den ihr gemacht habt, dem erlernten Beruf? Nach dem Image, welches eine Firma hat? Oder seid ihr ganz einfach in Zeitnot und müsst schnell einen passenden Job finden um eure Brötchen zu verdienen?

 

Den passenden Kandidaten finden

Bei mir spielt von alldem etwas eine Rolle. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es keine nennenswerten Vorteile bringt, sich vorschnell auf die nächstbeste freie Stelle zu bewerben. Also versuche ich so viele Punkte wie möglich zu berücksichtigen, um den passenden Kandidaten für meine Bewerbung zu finden - Ja, so herum kann man das durchaus auch mal betrachten.

Zugegeben, manchmal mache ich es mir auch leicht und nutze diese Buttons mit der Aufschrift "Jetzt bequem bewerben", die manche Karriereportale oder Stellenbörsen anbieten. Die nutze ich meist, wenn ich per Handy so durch die Seiten scrolle, wenn gerade nichts interessantes im Fernsehen läuft. Hinterher ärgere ich mich dann häufig, da man so nicht ausreichend sorgfältig vorgeht und kaum noch "auf dem Schirm" hat, bei wem man sich da eigentlich beworben hat.

Ist ein passender potentieller Arbeitgeber gefunden, fällt es nicht weiter schwer, die eigenen Fähigkeiten und Erfahrungen mit den Wunsch- und manchmal Traumvorstellungen der entsprechenden Personalabteilung abzugleichen. Wahrscheinlich wird man selten oder nie alle gewünschten Fähigkeiten, Softskills, Fertigkeiten und Erfahrungen mitbringen können, um eine berufliche Traumhochzeit zu feiern.

Digitale Unterlagen

Über sorgfältigst, digital zusammengestellte Unterlagen verfüge ich mittlerweile in ganz unterschiedlicher Ausgestaltung. Ein Arbeitgeber möchte zum Beispiel lieber 5 Einzeldokumente im PDF Format haben, wobei jedes eine Speichergröße von 1 MB nicht überschreiten sollte (alleine mein Lebenslauf inklusive Foto zieht sich nach einigen Jahren Berufserfahrung schon über 4 Seiten hin), ein anderer möchte am liebsten Alles in nur einer Datei haben, wobei auch hier die Speicherobergrenze häufig nicht üppig bemessen ist. Mit entsprechender PDF Kompression ist das zumeist ja auch zu bewerkstelligen - aber wie sieht das danach aus? Zeugnisse mit mehr als einer Seite auf 150, 96 oder 72 dpi heruntergerechnet. So etwas würde ich geschäftlich oder privat normalerweise niemandem zumuten wollen.

Wie dem auch sei, manche stehen eben auf geringfügig verpixelte Retrografik. Ganz krass finde ich übrigens die "Nummer" mit den unterschiedlichen, handgestrickten Karriereseiten. Das sind jene Seiten, bei denen man im "Copy & Paste" Verfahren am schnellsten Fortschritte macht. Prinzipiell wird dort ernsthaft erwartet, dass man seine komplett und vollständig vorbereiteten Unterlagen noch einmal auseinander nimmt, bevor man die Daten, die man zuvor mühevoll zusammen gestellt hat, in möglichst viele einzelne Formularfelder pastet oder einträgt. Aber auch dieser Weg wird gerne in Kauf genommen, wenn es sich um interessante Jobs handelt.

 

Autoreply - Die Ruhe vor dem Sturm?

Spätestens nach einem drücken auf den Absende-Button, ganz egal ob im E-Mail Programm oder im "HR-Wir-würden-Dich-vielleicht-einstellen Portal" des potentiellen Arbeitgebers, heißt es abwarten. Mir ist aufgefallen, man hat begriffen, dass es sinnvoll sein könnte, potentielle Bewerber über den Eingang Ihrer digitalen Bewerbung per Autoreply zu informieren. Je nach Betriebsamkeit des Internet und der E-Mail Server, ist mit unterschiedlich langen Laufzeiten dieser automatisierten Antworten zu rechnen. Bei manchem bleibt dies auch ganz aus oder wird vom Spamfilter verschluckt. Jetzt heißt es Ruhe zu bewahren und immer mal wieder nachzusehen, ob denn eventuell schon eine Antwortmail - sei sie nun persönlich oder auch automatisiert - eingetrudelt ist. Eine Garantie, dass man eine solche Mail überhaupt erhält gibt es nicht.

 

Der Anruf und die Angst vorm Anrufbeantworter 

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade Headhunter, Personaldienstleister und Zeitarbeitsfirmen, bei denen auf jeden Fall eine Bewerbung auch lohnend sein kann, relativ schnell zum Hörer greifen und Kandidaten gerne anrufen. Bin ich nicht zu Hause oder nicht schnell genug am Telefon, dann springt mein Anrufbeantworter für mich ein. Hier bin ich erschrocken, welch überraschten Rückzug dann die HR Fachleute antreten, indem sie schlicht und ergreifend auflegen ohne auch nur eine kurze Nachricht zu hinterlassen. Die Rufnummern solcher Anrufe recherchiere ich immer gerne im Internet. Offenbar ist man von so ausgereifter Technik, wie der einer Maschine, die in der Lage ist Anrufe aufzuzeichnen, derart überrumpelt, dass man den Hörer schnell wieder auflegt. Ich weiß, ich weiß, selbst rede ich auch nicht gerne mit Maschinen - aber ist es denn zu viel verlangt einfach mal kurz zu sagen "Hallo, hier ist Firma XYZ, wir haben Ihre Bewerbung erhalten und würden gerne mit Ihnen telefonieren. Rufen Sie uns doch mal zurück, unsere Telefonnummer ist die 0123-45678"? Zumindest kommt dann durch einen Rückruf oder einen weiteren Versuch der HR Spezialisten doch noch ein Kontakt zu Stande.

 

Darf's ein bisschen weniger sein?

Ohne auch nur annähernd geklärt zu haben ob ich zur entsprechenden Firma, zur ausgeschriebenen Stelle oder zu den benötigten Qualifikationen passe, soll ich häufig schon Angaben über meinen Gehaltswunsch machen. Liebe Arbeitgeber, natürlich kann ich rechnen und ebenso natürlich habe ich eine Vorstellung davon, was ich gerne verdienen möchte oder was in meiner Branche, mit meinen Qualifikationen oder in meinem Aufgabenbereich branchenüblich ist!
Aber mal ehrlich, wollen Sie sich mit mir darüber ernsthaft am Telefon unterhalten, ohne einen nennenswerten Eindruck von meiner Person oder meinen Zusatzqualifikationen zu haben? Zudem haben wir vielleicht am Telefon gerade mal den Radius meines potentiellen Einsatzbereichs abgeklärt und Sie wissen vielleicht, dass ich über ein Auto verfüge. Ich habe persönlich kein Problem mit "Schnellschüssen", dass Sie mir allerdings bereits am Telefon und vor unserem ersten persönlichen Gespräch mein wohl durchdachtes Gehaltskonstrukt schlecht reden wollen, ist nicht nur kein guter Stil sondern zeugt von mangelnder Erfahrung auf Ihrer Seite. Kein Gehalt dieser Welt ist in Stein gemeißelt - zumindest nicht das meine - und verhandelbar. Nach Oben ist ohnehin Alles offen, auch nach Unten gibt es Spielräume, die Sie geschickt in einem persönlichen Gespräch austesten können. Vielleicht kann mir ja gerade Ihr Unternehmen etwas bieten, das ich schon immer haben wollte und das Ihr Unternehmen deutlich von den Mitbewerbern abgrenzt? Natürlich bin ich dazu bereit Zugeständnisse zu machen, soweit sich diese in einem überschaubaren Rahmen halten oder anderweitig ausgeglichen werden können.

 

Verloren in Raum und Zeit

Soweit, so gut. Einen Teil des Bewerbungprozesses habe ich nun bis hierhin ganz grob skizziert. Ab jetzt heißt es abwarten und Tee trinken - oder auch nicht.

Erstens gehöre ich nicht zu den geduldigsten Personen dieser Welt und Zweitens bin ich kein Teetrinker. Mich stören schon diese Höflichkeitfloskeln in den "Vertröste-Mails" nach dem Schema "Wir bitten noch um ein wenig Geduld, wegen des erhöhten Bewerberaufkommen konnten wir Ihre Bewerbung noch nicht bearbeiten!" Hey Leute, mal ganz ehrlich, Ihr seid doch die Gleichen, die immer den Fachkräftemangel herauf beschwören - und nun kommt Ihr mit den paar lächerlichen Bewerbungen zeitlich in's Schleudern? Ich rechne es hoch an, überhaupt mal einen Zwischenstand mitgeteilt zu bekommen - aber so recht an die darin genannten Begründungen glauben kann ich nicht. Wahrscheinlich wartet Ihr darauf, dass der "Märchenkandidat" auf einem weißen Roß vorbei galoppiert kommt und ruft "Hey, nehmt mich! Ich bin der Beste, komme frisch von der Uni, habe schon 15 Jahre Berufserfahrung und koste nur einen Bruchteil aller anderen Bewerber!" Träumt weiter und glaubt an den Fachkräftemangel - ich tue dies nicht!

Wie in einem Paralleluniversum komme ich mir allerdings vor, wenn ich ganz gezielt bei der ein oder anderen Bewerbung nachhake, sei es per Mail oder telefonisch, und es kommt keinerlei Reaktion. Was soll ich davon halten.
Das Höflichste was ich davon halten könnte wäre ein plötzlich aufgetretener Interessenverlust eurerseits. Den könntet Ihr mir aber gerne auch mitteilen, davon werde ich nicht sterben. Aber vielleicht existiert ja auch euer Unternehmen schon gar nicht mehr oder ihr seid ernsthaft erkrankt, ohne das einer eurer Mitarbeiter über meine Bewerbung bei euch Bescheid weiß!? Aha, Fachkräftemangel, ich verstehe!

Ich wünsche auf jeden Fall "Gute Besserung!"

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